Erste öffentliche Bilder des neuen Ford LMDh zeigen einen noch stark getarnten Prototypen. In Le Castellet hat der amerikanische Hersteller die ersten regulären Testfahrten aufgenommen. 2027 will Ford mit dem neuen Hypercar in der FIA WEC und bei den 24 Stunden von Le Mans um Gesamtsiege kämpfen.
Ford Racing macht beim Aufbau seines neuen Hypercar-Programms für die FIA World Endurance Championship (WEC) die nächsten wichtigen Schritte. Nach umfangreichen Prüfungen auf dem Prüfstand und ersten Funktionstests hat der neue LMDh-Prototyp nun erstmals öffentlich Runden auf der Rennstrecke gedreht. Schauplatz des Testauftakts ist der Circuit Paul Ricard im französischen Le Castellet.
Der Standort kommt nicht von ungefähr: Ford entwickelt das Chassis des neuen Prototyps gemeinsam mit dem französischen Rennsportspezialisten ORECA, dessen Hauptsitz sich im nahe gelegenen Signes befindet. Damit bietet Paul Ricard ideale Voraussetzungen für die ersten Kilometer des neuen WEC-Projekts.
Erfolgreicher Shakedown als Vorbereitung
Der erste Schritt auf dem Weg zum regulären Testprogramm erfolgte bereits Anfang August. Am 5. August startete Ford mit einem mehrtägigen Shakedown, bei dem zunächst die grundlegenden Systeme des Fahrzeugs überprüft und in Betrieb genommen wurden. Nach Angaben von Ford verlief diese Phase planmäßig.
Im Mittelpunkt standen dabei die Steuerungs- und Regelsysteme des Prototyps. Erst nachdem diese Funktionen vollständig überprüft waren, konnte das Team mit der eigentlichen Erprobung auf der Rennstrecke beginnen. Ford hatte bereits zuvor umfangreiche Arbeiten am Motor auf dem Prüfstand durchgeführt und das Zusammenspiel von Verbrennungsmotor, Hybridtechnik und Chassis vorbereitet.
Beim Shakedown kamen Matt Campbell, Mike Rockenfeller und Tom Blomqvist zum Einsatz. Für die ersten regulären Testfahrten in Le Castellet übernahmen Campbell und Logan Sargeant das Steuer. Blomqvist soll im weiteren Verlauf ebenfalls Kilometer sammeln.
Ford plant in den kommenden Monaten ein umfangreiches europäisches und später auch amerikanisches Testprogramm. Dabei sollen unter anderem Performance, Zuverlässigkeit, Aerodynamik und die Integration des Hybridsystems unter realen Rennbedingungen untersucht werden.
5,4-Liter-V8 mit Coyote-DNA
Technisch setzt Ford bei seinem neuen LMDh auf eine interessante Kombination. Das Chassis entsteht in Zusammenarbeit mit ORECA, während der Antrieb vollständig aus dem Ford-Entwicklungsprogramm stammt.
Herzstück ist ein 5,4 Liter großer, natürlich angesaugter V8-Motor, der auf der Coyote-Architektur basiert. Das Aggregat wird in Dearborn entwickelt und gebaut und ist mit einem standardisierten Hybridsystem der LMDh-Kategorie gekoppelt. Die Coyote-Verbindung stellt gleichzeitig eine direkte Verbindung zu Fords aktuellen Performance- und Rennsportprogrammen her.
Der Motor ist damit eine Besonderheit im künftigen Hypercar-Feld. Ford setzt bewusst auf einen Saugmotor und nicht auf eine Turboaufladung. Nach aktuellem Stand wird der Ford damit 2027 zu den wenigen nicht turboaufgeladenen Fahrzeugen in der Hypercar-Kategorie gehören.
Noch getarnt – aber mit eigenständiger Aerodynamik
Die ersten veröffentlichten Aufnahmen zeigen den Prototypen noch vollständig in einer Tarnlackierung. Auch der endgültige Name des Rennwagens steht bislang nicht fest. Details wie die endgültige Gestaltung der Frontscheinwerfer und weitere Designelemente bleiben deshalb zunächst verborgen.
Bereits erkennbar sind allerdings einige interessante aerodynamische Eigenheiten. Besonders auffällig ist die Gestaltung der Fahrzeugfront. Anders als bei anderen ORECA-basierten Hypercars verzichtet Ford auf die markante, voluminöse Frontöffnung beziehungsweise Finne, die beispielsweise bei den aktuellen Konzepten von Alpine und anderen ORECA-Projekten ins Auge fällt.
Stattdessen fällt der stark nach oben gezogene Frontsplitter auf. Die Front wirkt dadurch vergleichsweise glatt und aufgeräumt. Auch die Gestaltung des Heckbereichs und die Positionierung des Heckflügels zeigen, dass Ford gemeinsam mit ORECA eine eigene aerodynamische Interpretation des LMDh-Reglements verfolgt.
Wie viel davon letztlich dem Tarnkonzept geschuldet ist und welche Elemente tatsächlich in die endgültige Version übernommen werden, dürfte sich erst im weiteren Entwicklungsverlauf zeigen.
Sechs Werksfahrer für zwei Autos
Ford hat sein Fahreraufgebot für das Hypercar-Programm bereits komplettiert. Für den geplanten Einsatz von zwei Fahrzeugen stehen Logan Sargeant, Mike Rockenfeller, Sebastian Priaulx, Matt Campbell, Tom Blomqvist und Nick Yelloly zur Verfügung.
Mit Rockenfeller befindet sich dabei auch ein ehemaliger Sieger der 24 Stunden von Le Mans im Aufgebot. Campbell bringt umfangreiche Erfahrung aus dem GT- und Langstreckensport mit, während Blomqvist unter anderem als zweifacher Sieger der Rolex 24 at Daytona über erhebliche Prototypen-Erfahrung verfügt. Yelloly, Priaulx und Sargeant komplettieren das starke Fahrerensemble.
Welche Fahrer letztlich in den beiden Fahrzeugen zusammengesetzt werden, will Ford zu einem späteren Zeitpunkt bekannt geben.
Ziel: Gesamtsieg in Le Mans
Der Einstieg in die Hypercar-Kategorie ist für Ford mehr als ein neues Motorsportprogramm. Der amerikanische Hersteller will 2027 an die Spitze des internationalen Langstreckensports zurückkehren und bei den 24 Stunden von Le Mans um den Gesamtsieg kämpfen.
Damit knüpft Ford an seine große Le-Mans-Historie an. Die berühmtesten Erfolge feierte die Marke mit dem GT40, der zwischen 1966 und 1969 vier Gesamtsiege in Folge erringen konnte. Mit dem neuen LMDh beginnt nun ein völlig neues Kapitel.
Bis zum ersten Renneinsatz bleibt allerdings noch viel Entwicklungsarbeit. Das Testprogramm soll in den kommenden Monaten kontinuierlich ausgeweitet werden. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur die reine Performance, sondern insbesondere Zuverlässigkeit, Aerodynamik, Hybridintegration und die Abstimmung des Fahrzeugs auf die besonderen Anforderungen der Langstrecke.
Ford hat damit die nächste Phase seines WEC-Projekts eingeläutet. Der neue Prototyp hat erstmals öffentlich seine Räder auf der Rennstrecke bewegt – und der Weg zum Comeback in der Topklasse von Le Mans nimmt damit sichtbar Fahrt auf.
